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HeidelbergCement tritt aus Merckles Schatten

HeidelbergCement tritt aus Merckles Schatten

// 04.06.2010

Es ist eine Börsenstory wie aus dem Märchenbuch. Das hässliche Entlein HeidelbergCement putzt sich innerhalb eines Jahres heraus und steigt als schöner Schwan voraussichtlich in den Dax auf. Das Erbe des Patriarchen Adolf Merckle lebt weiter. Doch dem Zementkonzern bleiben hohe Risiken.

Hamburg - Jeden Freitag sieht Bernd Scheifele grüne Pfeile. Denn dann melden die weltweiten Niederlassungen von HeidelbergCement der Zentrale, wie sich ihr Absatz in der Woche entwickelt hat - derzeit immer nur nach oben, berichtete der Vorstandschef von Deutschlands größtem Baustoffkonzern auf der Hauptversammlung im Mai.

An diesem Freitag dürfte ein grüner Pfeil für Scheifele ganz nach oben zeigen. Denn dann entscheidet die Deutsche Börse, ob die Aktie von HeidelbergCement in ihren Leitindex Dax aufsteigt. Das sei nur noch eine Formsache, meinen Analysten wie Manfred Jaisfeld von der National-Bank, die sich auf die Indexzusammensetzung spezialisiert haben.

Denn nach Börsenwert und -umsatz zählt HeidelbergCement klar zu den 25 größten deutschen Aktiengesellschaften. Die Bedingung für den "Fast Entry" in den Dax ist erfüllt, wenn am Freitag kein dramatischer Kurssturz dazwischenkommt. Dafür müsste der Stahlkonzern Salzgitter zurück in den Mittelwerteindex MDax.

Mit dem Aufstieg des Zementherstellers ins Oberhaus der Börse wäre Scheifeles erklärtes Ziel erreicht.

Die Kehrtwende ist geschafft

Damit setzt er ein Zeichen: Die Kehrtwende ist geschafft. Der Dax-Aufstieg wäre die Krönung für eine erfolgreiche und schnelle Sanierung. Die Verschuldung ist von 12 Milliarden auf knapp neun Milliarden Euro geschrumpft, im kommenden Jahr soll sie auf fünf Milliarden schrumpfen.

2009 gelangen HeidelbergCement die mit 8,7 Milliarden Euro weltgrößte Umschuldung, eine Kapitalerhöhung um 2,2 Milliarden Euro und eine ebenso große Anleihenemission. Jüngst erneuerten die Banken die Kreditlinie zu neuen Bedingungen und sicherten so die Liquidität bis 2013. Hinzu kommen die inzwischen verbesserten Geschäftszahlen - die grünen Pfeile. "Unsere Einschätzungen waren zu pessimistisch", sagt Scheifele dazu.

Noch vor einem Jahr stand der überschuldete Konzern am Abgrund, sein Schicksal wurde von 60 Banken verhandelt. Nicht der Aufstieg in den Dax, sondern die Liquidierung der Unternehmenswerte schien das wahrscheinlichste Szenario.

HeidelbergCement war das größte Unternehmen im Reich der Merckle-Familie. Die Schulden des Unternehmens aus der 14 Milliarden Euro teuren Übernahme des britischen Wettbewerbers Hanson 2007 waren der Hauptgrund für den Zusammenbruch eines der größten deutschen Familienimperien - neben Fehlspekulationen des Patriarchen Adolf Merckle etwa mit Volkswagen-Aktien. Merckle lief in dieselbe Falle wie amerikanische Hedgefonds, die den Fall nun vor Gericht bringen wollen. Der schwäbische Unternehmer nahm sich im Januar 2009 das Leben, um den Untergang seiner Gruppe nicht erleben zu müssen.

Die schlimmsten Befürchtungen traten nicht ein. Zwar musste Alleinerbe Ludwig Merckle das Kernstück der Gruppe, den Pharmakonzern Ratiopharm, verkaufen. Doch dank der erfolgreichen Sanierung von HeidelbergCement könnte er den Pharmagroßhändler Phoenix und viele kleine Unternehmen wie die Maschinenbauer Kässbohrer behalten.

2. Teil: Merckle-Mann Scheifele muss sich mit neuen Eignern arrangieren

Allerdings gab er in Heidelberg die Kontrolle auf. Statt 80 Prozent der Anteile hält Merckle seit der Kapitalerhöhung nur noch ein knappes Viertel. Das macht den Dax-Aufstieg erst möglich, weil nur der Börsenwert der Aktien in Streubesitz zählt. Gegangen ist zugleich die Ulmer Zementdynastie Schwenk/Schleicher, aus der Merckles Witwe Ruth stammt. Auch die Merckle-Banken Royal Bank of Scotland, Commerzbank und Unicredit sind als Eigentümer ausgestiegen.

Geblieben ist Bernd Scheifele. Der Mann, der 15 Jahre für Adolf Merckle arbeitete, erst als Wirtschaftsanwalt, dann an der Spitze von Phoenix und HeidelbergCement, kann sich nun gegenüber neuen Herren beweisen. Internationale Vermögensverwalter wie Blackrock, der norwegische Staatsfonds, diverse Pensions- und Hedgefonds geben jetzt den Ton an. In Heidelberg gibt es nun eine Investor-Relations-Abteilung, die Anlegerkonferenzen ausrichtet.

Scheifele und sein Finanzvorstand Lorenz Näger rechnen sich die gelungene Kapitalaufnahme als Erfolg der Strategie an, im Vorhinein die Wünsche der Anleger aufzunehmen. Doch ganz harmonisch verläuft der Kontrollwechsel von der Familie zum Kapitalmarkt nicht. HeidelbergCement nahm kurzfristig den Antrag auf einen höheren Rahmen für neue Schuldverschreibungen von der Tagesordnung zur Hauptversammlung - die neuen Eigner fürchteten um eine Verwässerung ihrer Anteile.

Eine zweite Niederlage brachten sie der Leitung im Punkt Vorstandsvergütung bei. Die Aktionäre stimmten gegen das vorgeschlagene Vergütungssystem, im Unmut über die Verdopplung der Gehälter für 2009 und einen Sonderbonus von fünf Millionen Euro für die erfolgreiche Umschuldung. Das Votum ist zwar rechtlich nicht bindend, der Konzern verspricht den Aktionären aber trotzdem einen neuen Vorschlag - wohl eine Premiere für die neuen Mitbestimmungsrechte in Deutschland.

Viele Risiken - von Preisverfall bis Kartellstrafe

Analysten sehen die HeidelbergCement-Aktie immer noch als Wette an, nicht mehr auf das Wohlwollen der Banken, sondern nun auf den konjunkturellen Aufschwung. Eshan Toorabally von Goldman Sachs erwartet, dass die staatlichen Bauaufträge wegen der Schuldenkrise bald abnehmen werden. Wenn die private Nachfrage vor allem in Asien und Nordamerika anspringt, könnte HeidelbergCement besonders profitieren. Der Konzern fertigt Baustoffe in mehr als 40 Ländern. Zement, Sand und Kies lassen sich kaum wirtschaftlich über lange Strecken liefern, und die Standorte nah an den großen Absatzmärkten sind ein Vorteil.

ING-Analyst Ian Osburn erwartet allerdings für die nahe Zukunft sinkende Preise. Das würde HeidelbergCement stärker treffen als Wettbewerber wie Holcim, Lafarge oder Cemex, und deshalb den vergleichsweise niedrigen Aktienkurs rechtfertigen. Als riskant gilt auch, dass das Unternehmen nah an der Schwelle von Verschuldungsgrad im Verhältnis zum Betriebsergebnis operiert, die in den Kreditbedingungen festgelegt ist. Ein leichter Gewinneinbruch könnte schnell zu höheren Zinskosten führen.

Für Unternehmensteile im Wert von rund einer Milliarde Euro, die abgestoßen werden, findet sich derzeit kein Käufer. Zudem schwebt immer noch ein Gerichtsverfahren wegen der Beteiligung an einem Zementkartell, das im Jahr 2000 aufflog. HeidelbergCement hat gegen die verhängte Strafe von 170 Millionen Euro Berufung eingelegt.

Angesichts all dieser Unsicherheiten will Scheifele auf dem eingeschlagenen Sparkurs bleiben, der dieses Jahr 300 Millionen Euro bringen soll. "Nach dem Sieg binde den Helm fester", sagte er auf der Hauptversammlung.

Quelle: manager-magazin.de
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